Waldbaden für die Psyche: Mit allen Sinnen entspannen
Einfach mal abtauchen? Waldbaden für die Psyche
Total gestresst, angenervt, innerlich unruhig oder gereizt? Oft helfen in solchen Momenten schon zwei ganz simple Dinge, um wieder etwas mehr Gelassenheit zu finden: tief ausatmen und eine Runde nach draußen gehen, am besten in die Natur. Häufig fühlen wir uns bereits nach kurzer Zeit im Freien deutlich erholter, entspannter und ausgeglichener als zuvor. Besonders gut funktioniert das für viele bei einem kleinen Spaziergang im Wald.
Aber warum genau hat der Wald eine so beruhigende Wirkung auf uns? Und kann etwas so Simples wie ein Aufenthalt in der Natur wirklich unsere Stimmung beeinflussen und dazu führen, dass wir uns nachhaltig besser fühlen? Susan Abookire von der Harvard Medical School[1] sagt ganz klar: ja! Die Assistenzprofessorin hat sich dafür genauer angesehen, was es mit dem sogenannten „Waldbaden“ (im Englischen „forest therapy“ oder „forest bathing“) auf sich hat und warum es unserer Psyche offensichtlich so gut tut. Dabei hat sie Überraschendes herausgefunden.
Das Offensichtlichste vorneweg: Natur, insbesondere grüne Natur mit Pflanzen und Bäumen, tut unserem Körper genauso gut wie unserer Seele. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Schon lange bevor es medizinische Forschung zu dieser Frage gab, ist dieses Wissen über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben worden. So finden wir beispielsweise unzählige Gedichte, Lieder und Kurztexte, die die wohltuende Wirkung der Natur feiern oder beschreiben, wie befreiend eine Wanderung oder ein Spaziergang sein kann.
Das reine Wissen um die heilende und beruhigende Kraft der Natur ist somit schon sehr lange vorhanden. Wiederentdeckt, systematisiert und „verwissentschaftlicht“ wurde es aber erst in den 1980ern in Japan. Der Anlass? Immer mehr Menschen litten unter den Auswirkungen von stressbezogenen Erkrankungen. Um dieser Tendenz gegenzusteuern, begann die Regierung im Jahr 1982 „Shirin Yoku“ als gesunden Lebensstil zu empfehlen. Der Begriff stammt von Tomohide Akiyama, dem damaligen Leiter der japanischen Forstverwaltung, und bedeutet so viel „ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen“.
Wie funktioniert’s? Die Übersetzung des Namens gibt bereits den entscheidenden Hinweis. Es geht darum, die Atmosphäre des Waldes bewusst und mit allen Sinnen wahrzunehmen, das eigene Tempo zu reduzieren und sich ganz auf den Moment einzulassen. Erst dann erkennen wir, was es eigentlich alles zu entdecken gibt, angefangen vom Rauschen der Blätter über das Lichtspiel der Sonne zwischen den Bäumen und den Geruch des Mooses bis hin zu dem leichten Federn des Bodens unter unseren Füßen.
Dieses Gesamtpaket hat eine überraschende Wirkung: Das bewusste Eintauchen in die Waldatmosphäre kann dazu beitragen, Stress zu verringern, die Aufmerksamkeit zu verbessern, das Immunsystem zu stärken und unsere Stimmung aufzuhellen. In einer Übersichtsstudie[2] aus dem Jahr 2019 zeigte sich sogar, dass bei den meisten Studienteilnehmern der Cortisolspiegel nach einer Runde Waldbaden gesunken war – sie schütteten also weniger Stresshormone aus als die Kontrollgruppe, die in einem Laborumfeld gegangen war und somit ebenfalls Bewegung hatte, dabei allerdings nicht von der Waldumgebung profitieren konnte.
Wie lässt sich diese Information für den Alltag nutzen? Die genauen Zusammenhänge müssen noch im Detail untersucht werden. In Japan gibt es dafür sogar einen eigenständigen Forschungszweig mit dem Namen „Forest Medicine“, also Waldmedizin. Unabhängig davon lässt sich aber schon jetzt sagen: Ein gemütlicher Spaziergang oder kurzer Aufenthalt im Wald tut quasi immer gut. Aber was, wenn die Zeit dafür gerade nicht ausreicht? Dann gibt es zahlreiche weitere Möglichkeiten und alternative Ergänzungen. Am besten gleich hier weiterlesen!
[1] FACP, S.A., BSEE, MD, MPH, 2020. Can forest therapy enhance health and well-being? [WWW Document]. Harvard Health. URL https://www.health.harvard.edu/blog/can-forest-therapy-enhance-health-and-well-being-2020052919948 (accessed 3.25.25).
[2] Antonelli M, Barbieri G, Donelli D. Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis. Int J Biometeorol. 2019 Aug;63(8):1117-1134. doi: 10.1007/s00484-019-01717-x. Epub 2019 Apr 18. PMID: 31001682.